Filmperlentaucher

Zum Teufel mit Harbolla

Premiere: 24.02.1989

Wir schreiben das Jahr 1956, der Rock’n‘ Roll erreicht gerade die noch junge DDR, auseinandertanzen ist noch unmoralisch und die Nationale Volksarmee schickt die ersten Absolventen der Offiziershochschule ins wirkliche Leben.

Der junge Leutnant Gottfried Engelhardt (Tom Pauls) tritt seinen Dienst in seiner neuen Einheit an und bekommt als Erstes den Auftrag, einen gewissen Harry Harbolla (Michael Lucke) aus dem Militärknast in Oranienburg abzuholen und in die Dienststelle zurückzubringen. Der ehemalige Zugführer hat sich nämlich unerlaubt aus dem Staub gemacht, als er erfuhr, daß sein Nachfolger ein „Studierter“ sein wird. Und so tanzt er in der „Linde“ im Unterhemd und ohne gültige Papiere Rock’n -Roll.

Und plötzlich treffen zwei Charaktere aufeinander, die unterschiedlicher nicht sein können: der schmächtige, dienstbeflissene und etwas naive Engelhardt und Harbolla – stark, Rauhbein und Frauenschwarm, immer hungrig, aber mit einem großen Herzen. Was Harbolla nicht weiß: Engelhardt ist sein neuer Zugführer. Und eigentlich hat er es gar auch nicht so eilig, wegzukommen. Denn da wartet Heidelore (Andrea Solter), die Köchin der „Linde“ und Harbollas Freundin.

Und Engelhardt verliebt sich in Anita (Annett Kruschke), die er auf dem Bahnhof kennenlernte und der er unfreiwillig beim Zigarettenschmuggeln half. Als Anitas Partner (Gert Gütschow) Engelhardt reinlegt und ihn in der Öffentlichkeit verspottet, sieht Engelhardt Rot und beginnt eine Prügelei in der „Linde“. Harbolla rettet ihn und beide erkennen langsam, daß der jeweils andere eigentlich ein ganz feiner Kerl ist – ein Mensch eben. Und „Menschsein ist ein Dienstgrad“, wie Harbolla feststellt.

Als Leutnant Engelhardt nach einer wilden Nacht mit Anita von ihr erfährt, daß ihre Liebe nur käuflich ist, packt Engelhardt seine Sachen, nicht ohne Harbolla zu sagen, wer er ist. Es kommt zum Streit zwischen den Beiden. Engelhardt hält Harbolla für einen Feigling, der ständig davonläuft, wenn zwischenmenschliche Probleme auftreten. Und Harbolla kontert, daß Engelhardt weltfremd ist und fühlt sich plötzlich ausgegrenzt. Als Heidelore ihm die Freundschaft kündigt und ihn aus der Wohnung schmeißt, muß sich Harbolla entscheiden….

Sicherlich war es nicht beabsichtigt, aber die Figuren erinnern in ihren Charakteren an Asterix und Obelix. Sogar einen Idefix-Ersatz gibt es im Film.

Bodo Fürneisen drehte mit diesem Film einen der letzten Filme der DDR. Später arbeitete er vor allem fürs Fernsehen (u.a. Polizeiruf 110, Kommissar Rex, Stubbe – Von Fall zu Fall). Er zeichnete mit „Zum Teufel mit Harbolla“ hervorragend ein Sittenbild der damaligen Zeit, gemischt mit einer originellen Story, etwas Romantik sowie einem gut aufgelegten Darstellerensemble. Es ist weder ein Lobgesang auf die NVA noch macht sich Fürneisen über die NVA lustig. Der Film hat Charme, selbst Dialoge mit den den damals üblichen Propaganda-Parolen über den „Sieg des Sozialismus“ werden nicht als Solche empfunden. Und trotz aller Komik gleitet der Film nicht zur Militärklamotte ab.

Hervorragend auch die Musikauswahl mit wenig bekannten, aber gut tanzbaren Titeln der 50er Jahre. Von Rock’n‘ Roll-Titel bis Schlager, von Elvis bis Herbert Roth – die Musik unterstützt die Bilder und drängt sich nicht auf. Als Krönung gibt es im Film noch den Auftritt eines skurillen schmalzig-schnulzigen Gesangspaares in Gestalt von Walter Plathe und Katrin Saß.

Tom Pauls dürfte vielen Zuschauern eher als Ilse Bähnert oder Teil des Dresdner Zwinger-Trios bekannt sein, zeigt aber als Leutnant Engelhardt auch schauspielerische Qualitäten. Sicherlich die Idealbesetzung für die Figur des Engelhardt, denn keiner kann so unschuldig gucken wie er.

Michael Lucke (sieht im Film aus wie der große Bruder von Jan Ulrich) spielt seinen Harbolla so leicht und locker, daß man ständig überlegen muß, welchem der beiden Filmhelden nun mehr Sympathien gehören und auf welche Seite man sich schlägt.
Annett Kruschke war zur Drehzeit noch am Beginn ihrer Karriere und hat sich inzwischen einen festen Platz in der deutschen Filmlandschaft gesichert. Ihre Wandlungsfähigkeit deutete sie schon in „Zum Teufel mit Harbolla“ an.

Katrin Saß und Walter Plathe sind die perfekte Parodie auf Gesangspaare der damaligen Zeit. Und welch großes Vergnügen die Beiden mit ihrem Auftritt hatten, kann man nur erahnen, wenn man mal in ihre Gesichter schaut.

Insgesamt betrachtet ist „Zum Teufel mit Harbolla“ einer der besseren Filme der DEFA mit damals noch weitgehend unbekannten Darstellern. Der Verzicht auf die damals üblichen Stars tut dem Film sehr gut. Schade, daß es die DEFA nicht mehr gibt, man hätte sich mehr solcher Filme gewünscht.

Die Rollen und ihre Darsteller

Leutnant Gottfried Engelhardt – Tom Pauls
Harry Harbolla – Michael Lucke
Oberleutnant Strohbach – Joachim Nimtz
Heidelore – Andrea Solter
Anita – Annett Kruschke
Uhrmacher – Gert Gütschow
Unteroffizier – Florian Martens
Sängerin – Katrin Saß
Sänger – Walter Plathe
Harbollas Tanzpartnerin – Andrea Kathrin Loewig

 Stab

Buch: Walter Flegel, Manfred Freitag, Jochen Nestler
Regie: Bodo Fürneisen
Kamera: Erich Gusko
Schnitt: Ilona Thiel
Kostüme: Elke Hersmann
Musik: Karl-Ernst Sasse
Produziert von: DEFA

Dieser Artikel wurde erstmals am 20.02.2008 auf Zelluloid kleinveröffentlicht.

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