Filmperlentaucher

Gute alte Kinozeit lebte im „Forster Hof“ wieder auf

Ein Hauch von Damals aus der guten alten Kinozeit wehte durch den „Forster Hof“: wieder waren die Vorstellungen fast ausverkauft, wieder näselte sich Heinz Rühmann durch einen Film, wieder starten die Besucher gebannt auf die Leinwand. Über der Brüstung des Oberrangs hing ein riesiges Kinobanner, aus den Lautsprechern plärrte der Ton in Mono und statt Ultra-HD gab es Schwarz-Weiß-Bilder zu betrachten. Ein wieder aufgetauchtes, lange als verschollen gegoltenes Filmjuwel lockte viele Forster anläßlich des 75. Forster Geschichtsstammtisches ins Kino.

„Strich durch die Rechnung“ mit Heinz Rühmann, Otto Wallburg und Tony van Eyck, allesamt Ufa-Stars der 30er und 40er Jahre, wurde zu großen Teilen auf der Forster Radrennbahn gefilmt. 1932 drehte die Universum Film AG, damals die bedeutendste Filmproduktionsfirma in Deutschland, unter Beteiligung von 2000 Forstern, die als Komparsen im Film mitspielten. Und so verwundert es auch nicht, daß viele der vorwiegend älteren Jahrgänge bei der Wiederaufführung des Films genauer hinschauten – immer in der Hoffnung, einen ihrer Vorfahren im Film wieder zu erkennen. Und tatsächlich gab es einige wenige, die trotz der schnellen Bildfolge vertraute Gesichter erspähten.

Daß der Film überhaupt nach 88 Jahren zur Wiederaufführung gelangte, ist dem Engagement einiger weniger zu verdanken. Besonders Frank Henschel, Heimatforscher, machte sich auf die Suche nach dem Film und wurde in einem Moskauer Filmarchiv fündig. Sein Wunsch war es, diesen Schatz wieder „nach Hause“ zu holen und noch einmal auf der großen Leinwand zu zeigen – wenn möglich an historischer Stätte, wo am 22. November 1932 der Film erstmals für die Forster Bevölkerung zu sehen war.

Viele Hindernisse säumten den Weg bis zum „Happy End“. Die Filmqualität entspricht bei weitem nicht mehr den heutigen Sehgewohnheiten. Zwischen den Filmminuten 19 und 29 fehlt auf der Filmkopie der komplette Ton. Weitere Fragen türmten sich auf: wie würde die heutige Filmvorführtechnik mit dem alten Filmmaterial klarkommen? Ließe sich eine Wiederaufführung überhaupt realisieren? Und vor allem – darf der Film überhaupt öffentlich gezeigt werden? Und wenn ja, zu welchem Preis?
Die Rechte an dem Film liegen bei der Friedrich-Murnau-Stiftung, die das filmische Erbe der Ufa verwaltet. Frank Henschel konnte zunächst die Freigabe für eine Aufführung aushandeln. Auch der „Forster Hof“ zeigte sich interessiert und war der Aufführung in seinem Saal nicht abgeneigt.
Dann kam Corona und damit viele Einschränkungen. Statt eines vollen Kinosaals stand plötzlich die komplette Absage im Raum, auch weil die maximal erlaubte Besucherzahl für eine Vorführung stark verringert wurde. Für ein paar wenige Besucher lohne sich jedoch der ganze Aufwand nicht. Henschel verhandelte weiter und konnte noch drei weitere Aufführungstermine rausschlagen. So konnten 70 Personen je Vorstellung in den Genuss kommen, „bei etwas Besonderem“ dabei zu sein, wie es Frank Henschel in seiner Begrüßung betonte.

Statt langer Kinoreihen stellte das Team vom „Forster Hof“ Zweier-Tische, immer mit dem vorgeschriebene Abstand zum Nachbartisch. In der kurzen Pause zwischen zwei Vorstellungen wurden Tische und Stühle desinfiziert.

Selbst der fehlende Filmton konnte kompensiert werden: Frank Junge, der die vorhandene Filmkopie vorführtauglich machte, fügte die fehlenden Dialoge anhand eines im Museum befindlichen Original-Drehbuchs als Untertitel hinzu und sprach zusätzlich die Dialoge ein.

Man sah dem Film sein Alter deutlich an, die Bild- und Tonqualität ist nicht mehr die beste. Nur mit viel Konzentration konnte man der Handlung folgen. Im Film geht es um den jungen Rennfahrer Willy Streblow (Heinz Rühmann), der sein erstes großes Steherrennen fahren soll. Was ihm noch fehlt, sind zwei Reserveräder, die er sich nicht leisten kann. Seine Braut Hanni (Tony van Eyck), Tochter eines Fahrradhändlers, will er nicht um Hilfe bitten. Der alte Sprengler würde ihm sowieso nicht helfen, will er doch für seine Tochter lieber einen Kaufmann oder Beamten als Schwiegersohn und keinen Rennfahrer. Hinzu kommt, daß ein umtriebiger Manager das Rennen verschieben und Willy den vermeintlichen Sieg abkaufen will, damit ein anderer Fahrer das Rennen gewinnt. Außerdem sieht sich Willy des Diebstahls bezichtigt, standen doch plötzlich zwei Räder vor seiner Wohnung….
Was folgt sind die für die leichte Filmkost üblichen Wirrungen und Irrungen in der Liebe, Rivalitäten unter Männern, schöne eifersüchtige Frauen und witzige Dialoge. Rühmann spielt das, wofür er später bekannt und geliebt wurde – den kleinen Mann von Nebenan, leicht schüchterner Frauenschwarm, immer mit etwas Schalk im Nacken. Um seine Gunst buhlen im Film Tony van Eyck und Flakina von Platen. Einen kurzen Auftritt hat auch Käthe von Nagy, die sich selber spielt.

Gut inszeniert sind auch die Rennszenen. Für Forster Radsport-Liebhaber sind die im Film gezeigten tobenden Zuschauermassen, spannende Rad-an-Rad-Duelle und Sympathie-Bekundungen für den Lokalmatadoren etwas Selbstverständliches, schließlich kennt man es von den immer noch auf der über 100 Jahre alten Rennbahn stattfindenden Rennen nicht anders. Insofern ist „Strich durch die Rechnung“ irgendwie auch ein Spiegelbild Forster Begeisterungsfähigkeit.

Wie steht es in einer Filmkritik, die nach der Berliner Uraufführung 1932 erschien? „Zum Schluß viel Applaus!“ Daran hat sich auch nach 88 Jahren nichts geändert, wie der Beifall des Publikums nach den Vorführungen 2020 im „Forster Hof“ bewies.

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